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Politik

Die AfD und der Marxismus: Ein paradoxer Wandel

Die AfD überrascht. Immer häufiger zitieren Köpfe wie Björn Höcke Marx. Ist die Partei wirklich antikapitalistisch oder steckt mehr dahinter?

Clara Wagner26. Juni 20263 Min. Lesezeit

Viele Menschen denken, die AfD sei eine durch und durch kapitalistische Partei, die vor allem den Interessen der Reichen und Mächtigen dient. Schließlich spricht sie oft von Marktfreiheit, Unternehmergeist und der „schlanken“ Verwaltung von Staatsausgaben. Doch das Bild, das sich hier abzeichnet, ist weit komplexer, als es scheint. Immer mehr führen prominente Mitglieder der AfD, wie Björn Höcke, Zitate von Karl Marx an. Ist die AfD also wirklich antikapitalistisch?

Ein unerwarteter Wandel

Man könnte denken, dass eine Partei, die in einem kapitalistischen System groß geworden ist und sich oft als Verteidigerin der Marktwirtschaft positioniert, nichts mit Marx zu tun haben sollte. Aber es gibt einige Gründe, die diese Entwicklung verständlich machen.

Zunächst einmal gibt es in Deutschland eine zunehmende Unzufriedenheit mit dem bestehenden Wirtschaftssystem. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer, und viele Bürger spüren die negativen Auswirkungen von Globalisierung und neoliberaler Politik. Höcke und Co. nutzen dieses Gefühl der Frustration geschickt aus, indem sie Marx als Kritiker des Kapitalismus zitiert. Dies schafft eine Verbindung zu den Wählern, die sich im Stich gelassen fühlen. Es ist ein cleverer Schachzug, um eine Wählerschaft zu mobilisieren, die nach Alternativen zur etablierten Politik sucht.

Ein weiterer Punkt ist die Schaffung eines Feindbildes. Wenn die AfD Marx zitiert, geschieht das oft im Kontext der Kritik am „verfaulten“ System, das sie den etablierten Parteien zuschreiben. Die Linke, die traditionell Marx als eine ihrer zentralen Figuren betrachtet, wird dann zum Feind. Indem die AfD Marx benutzt, behauptet sie, sich auf die Seite der „wahren“ Arbeiterklasse zu stellen, während sie gleichzeitig die anderen Parteien als untreu und elitär darstellt. Diese Strategie hat das Potenzial, den Zuspruch bei denjenigen zu erhöhen, die sich nicht mehr mit der traditionellen politischen Landschaft identifizieren können.

Und dann ist da noch der Trend zur Politisierung von Identitätsfragen. Marxismus wird oft als eine Ideologie dargestellt, die nicht nur den Kapitalismus kritisiert, sondern auch die sozialen Ungleichheiten, die damit verbunden sind. Gerade in einer Zeit, in der viele sich um ihre soziale Stellung sorgen, könnte das Zitat von Marx bei der AfD dazu dienen, ein Zugehörigkeitsgefühl zu schaffen. Hier wird die Werthaltung der Partei an die eines vermeintlichen Rebellions gegen das System gekoppelt.

Aber trotz dieser neuen Rhetorik bleibt die grundlegende Wirtschaftspolitik der AfD unverändert. Die Partei ist nach wie vor eine Verfechterin des Kapitalismus – allerdings einer Version, die sie selbst als „irrational“ bezeichnet. Es ist nicht so, dass sie das gesamte System ablehnt. Vielmehr versuchen sie, einen radikaleren Kurs zu fahren, der die Wähler anspricht, die sich von der Rhetorik der etablierten Parteien nicht mehr vertreten fühlen.

Was die gängigen Ansichten zur AfD erhält, ist der Vorwurf, dass sie eine rückwärtsgewandte, nationalistisch geprägte Politik betreibt, die in vielen Aspekten dem Kapitalismus zuwiderläuft. Das ist nicht ganz falsch, aber ebenfalls nicht die ganze Wahrheit. Die AfD hat sich an eine post-moderne Wählerschaft angepasst, die Unzufriedenheit mit der gegenwärtigen Marktwirtschaft empfindet und Antworten auf komplexe Fragen sucht.

So sehen wir eine Partei, die an einem kritischen Punkt steht: Ihre Wählerbasis verlangt nach einer Veränderung, und sie versucht, die Argumente des Marxismus zu nutzen, um sich als echte Alternative zu präsentieren. Ob dies letztlich zu einer echten antikapitalistischen Bewegung führt, bleibt abzuwarten. Aber die Tatsache, dass sie Marx zitiert, zeigt, wie flexibel die AfD in ihrer Rhetorik ist und wie sehr sie gewillt ist, sich an die Wünsche ihrer Wähler anzupassen.

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